„Der architektonische Raum“ / Irmgard Frank

Irmgard Frank, Architektin

Eine sinnliche Erfahrung

— Irmgard Frank

Design bestimmt das Bewusstsein. Wie beeinflusst der architektonische Raum, der uns umgibt, unsere Wahrnehmung? Formen, Materialien, Geräusche und Gerüche prägen die Sinneswahrnehmung und determinieren damit auch den Denk- und Assoziationsraum, in dem kreative Prozesse stattfinden.

Es sind unsere köperbezogenen Sinne bzw. unsere Sinnesorgane, durch die wir die Umwelt wahrnehmen und in der Folge das Zusammenspiel der Sinne in Form von Empfindungen. Dazu kommt das Gedächtnis auf individueller wie kollektiver Ebene.

Das unreflektierte Gedächtnis ist alles Archetypische im Sinne von C.G. Jung’s kollektivem Unbewussten, das in uns verankert ist. Ich denke da etwa an das Abbild eines Hauses, wie es in Kinderzeichnungen vorkommt. Ein Teil des reflektierten kollektiven Gedächtnisses ist das kunst- und kulturwissenschaftliche Erbe, das unsere Wahrnehmungsebenen mitbestimmt. In unserem Gedächtnis – dem individuellen wie auch dem kollektiven – speichern wir Empfindungen und Geisteshaltungen, die jedoch einem stetigen Wandel unterzogen sind. Durch Transformation in ein für eine große Allgemeinheit verständliches Muster entstehen Konventionen und Traditionen. Raum, räumliche Zusammenhänge, Gebäude oder unsere Umgebung nehmen wir visuell, akustisch, haptisch, olfaktorisch – also über unsere Sinne respektive Sinnesorgane – wahr. Die durch die Summe der Sinneseindrücke hervorgerufenen Empfindungen benennen wir mit Adjektiven.

Diese Annäherung der über Adjektive verbalisierten Empfindungen ist gesteuert durch den kulturellen bzw. gesellschaftlichen Kontext, in dem wir uns befinden. Das heißt, welche Adjektive wir vorwiegend gebrauchen, richtet sich nach den Wertigkeiten, mit denen wir die Dinge belegen. So hat sich beispielsweise der Begriff „schön“, aber auch der Begriff „ästhetisch“ immer wieder gewandelt, oder einen anderen Sinnzusammenhang bekommen.

Der Ursprung des Wortes „ästhetisch“ kommt vom griechischen aisthetos und meint sinnlich wahrnehmbar. Platon sieht das Wahre, Gute und Schöne als Einheit. Im Schönen an sich käme das Sinnliche am klarsten zum Vorschein. In der Wertephilosophie wird das ästhetische Erleben als das Erleben eines Wertes aufgefasst. Dieser Wert wird innerhalb eines kulturellen Zusammenhangs als solcher erkannt und definiert. Wilhelm Worringer bezeichnet in seiner 1909 verfassten Habilitation „Abstraktion und Einfühlung“ ästhetischen Genuss als objektivierten Selbstgenuss. Michael Müller führt in seiner 1984 erschienenen Schrift „Architektur und Avantgarde“ aus, dass die Wertigkeit, die man der ästhetischen Form und damit dem „sinnlichen Schein einer anderen ideelen Notwendigkeit“zugestand, der Architektur das rein Zweckgebundene, Nützliche genommen hat und diese sich damit vom reinen Bauen unterschied. Schließlich weisen Venturi, Scott Brown und Izenour in „Learning from Las Vegas“ darauf hin, dass ästhetisch hochwertige Architektur im Umfeld der Warenwelt nicht mehr entsprechend wahrgenommen und verstanden wird. Sie beziehen sich auf die Trivialarchitektur einer „Architektur der Verführung“, einer Architektur, die dem warenästhetischen Gebrauchswert der Konsumgüterproduktion folgt. In der damit einhergehenden architektonischen Zeichensprache, die allgemein verständlich ist, sehen sie die Aussöhnung mit der Lebenspraxis, die vom Konsumverhalten geprägt ist.

Kommen wir nach dem kurzen Diskurs über den Wandel des Begriffs „Ästhetik“ wieder zurück auf dessen ursprüngliche Bedeutung, so ist sinnlich wahrnehmen die über die Sinne aufgenommene subjektive Empfindung, welche durch den kulturellen und gesellschaftlichen Kontext mit objektiven Kriterien überlagert wird. Unsere Sinnesorgane ermöglichen uns die verschiedenen Realitäten der Welt wahrzunehmen, aber gleichzeitig lassen sich diese Sinne auch in die Irre führen. Architektur – und das erscheint mir als das Wesentliche – ist genau in diesem Spannungsfeld von Sinneserfahrung und Sinnestäuschung angesiedelt. In der Wahrnehmung von Architektur sind die einzelnen Sinnesorgane von unterschiedlicher Bedeutung, obschon erst durch das komplexe Zusammenspiel der Sinne Raum und Raumzusammenhänge in ihrer spezifischen architektonischen Qualität ganzheitlich erfahren werden können. An diesem Punkt ist es zielführend, einen Blick auf die einzelnen Sinneswahrnehmungen zu werfen, um deren Bedeutung in der Wahrnehmung von Raum zu erkennen.

Olfaktorische Sinneswahrnehmung

Dem Olfaktorischen kommt in der Architektur in der Regel wenig bis keine Bedeutung zu. Doch haben gerade Gerüche in der Erinnerung einen großen Stellenwert und sind dort oft stärker präsent als räumliche Zusammenhänge. Geruch kann entweder direkt vom Raum und seinen Materialien ausgehen, oder durch die Aktionen und Interaktionen, die im Raum stattfinden. Bestimmte Materialien werden und wurden gerade auf Grund des ausströmenden Geruchs verwendet: beispielsweise Zirbenholz wegen seines harzigen Geruchs, um Schädlinge wie Motten fernzuhalten. Das Wiedererkennen des Geruchs eines bestimmten Raumes kann den Raum selbst in seiner Konfiguration, aber auch die damit verbundenen persönlichen Erinnerungen und erlebten Befindlichkeiten, wieder ins Leben rufen. Der ins Gedächtnis zurückgekehrte Raum und das Ereignis in diesem verschmelzen zu einer erinnerten Atmosphäre.

Akustische Sinneswahrnehmung

Die Akustik eines Raumes gibt in der Regel dessen gebaute Kontur wieder. Blinde können sich durch akustisches Feedback in einem Raum orientieren. Die Raumakustik unterstützt oder konterkariert die Atmosphäre eines Raumes. Ein Steinboden im öffentlichen Bereich, etwa in einer Hotelhalle, einem Bahnhof oder Flughafen kann durch den Widerhall beim Durchschreiten die urbane Betriebsamkeit hervorkehren. Zu viele harte Materialien wiederum, beispielsweise in einem Restaurant, erzeugen oft eine Halligkeit, die die Kommunikation mit den Tischnachbarn verhindert oder massiv stört. Die in zeitgenössischer Architektur fast ausschließlich verwendeten harten Materialien führen daher zu unangenehmer Raumakustik, die erst durch den Einsatz von weichen Materialien wie Textilien akustisch annehmbar werden.

Haptische Sinneswahrnehmung

Indem wir Dinge berühren, begreifen wir. Wir nehmen Oberflächen aber auch Körperformen über das Abtasten wahr. Oberflächen können sich kühl oder warm anfühlen, rau oder glatt, uneben oder eben, hart oder weich, scharfkantig oder rund sein. Die Haptik von Materialien wird letztendlich auch über visuelle Informationen wahrgenommen. Wir stellen diese Verknüpfung laufend her, indem wir Oberflächenbeschaffenheit visuell erkennen, ohne diese berührt zu haben. Eine zwingende haptische Erfahrung ist jedoch der Fußboden. Über unsere Fußsohlen bekommen wir Feedback und passen unser Verhalten im Raum dahingehend an.

Visuelle Sinneswahrnehmung

Es steht außer Zweifel, dass Raum und räumliche Zusammenhänge vor allem visuell wahrgenommen werden. Der Sehsinn ist ein
irMGard FranK 98 der architeKtonische rauM
Fernsinn und schafft Überblick, je geringer die Distanz zwischen Auge und Objekt ist, desto mehr wird von der Umgebung ausgeblendet und der Überblick zu einem Detailblick. Visuell erfahren wir Raum durch seine physische Präsenz und Materialität und durch die Immaterialität von Licht. Licht ermöglicht erst Raum visuell erleben zu können. Ohne Licht kann Raum visuell nicht wahrgenommen werden. Wir nutzen in diesem Fall Tastsinn sowie akustische Rückmeldung, um uns ein Bild vom Raum zu machen. Licht kann aber auch besondere Sinneswahrnehmungen bewirken. Mit Licht kann Raum in seiner gebauten Kontur verändert wahrgenommen werden, indem Aufmerksamkeitshierarchien erzeugt werden, Raumvolumina in den Vordergrund treten und andere zurückweichen.

Bei genauer Betrachtung stellen wir fest, dass jeder Raum Atmosphäre hat und auf uns wirkt. Vor allem das Im-Raum-Sein wird durch Sinneseindrücke atmosphärisch erlebt. Genau genommen entsteht Atmosphäre erst dort, wo Raum mehr ermöglicht als das bloße Erfassen von baulich vorhandenen Tatsachen geometrisch definierbarer Fakten und Funktionen. Es ist das „Mehr“, das wir mittels unserer Sinne, aber eben auch mittels unserer sensibilisierten Intellektualität erfassen. Architektur entsteht dort, wo sich zwischen dem physischen Raum in seiner baulichen Materialität und dem mit unseren Sinnen erlebten Raum ein Spannungsfeld aufbaut.

Die Autorin

Irmgard Frank, geboren in Wien, studierte Architektur sowie Innenarchitektur und Industrieentwurf an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Seit 1992 Befugnis als Architektin mit Bürositz in Wien, Lehrtätigkeit an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, an der Universität für angewandte Kunst und an der Kunstuniversität Linz. 1997 bis 2001 Vorstandsvorsitzende der Österreichischen
Gesellschaft für Architektur, ÖGFA. Seit 1998 Ordinaria für Raumkunst und Entwerfen an der Technischen Universität Graz. Forschungsschwerpunkte: „Raumwahrnehmung und Raumimagination als Parameter in der Architektur“, „Licht als Gestaltungselement und immaterielle Komponente in der Wahrnehmung von Raum“.

Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einführung. München: Piper 1908.
Michael Müller: Architektur und Avantgarde. Frankfurt am Main: Syndikat 1984.
Robert Venturi, Denise Scott Brown, Steven Izenour: Learning from Las Vegas. The Forgotten Symbolism of Architectural Form. Cambridge: MA:MIT Press 1977.
TEILEN