„Der Kreativwirtschaftseffekt“ / Gerin Trautenberger

Gerin Trautenberger, Art und Creative Director

Kreativwirtschaft ist mehr als die Summe ihrer Teile

von Gerin Trautenberger

Die Zusammenarbeit zwischen traditionellen Unternehmen und Unternehmen aus der Kreativwirtschaft führt zu einer Vielzahl an Cross-Over-Effekten, von denen beide Seiten profitieren. In den vergangenen Jahren sind in Österreich eine Reihe von immer dichter werdenden Netzwerken zwischen diesen unterschiedlichen Bereichen entstanden, die auch ganz wesentlich dazu beitragen, dass die heimische Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähig bleibt. Vom „Kreativwirtschaftseffekt“ profitieren also nicht nur die Kreativen selbst.

Kaum ein Bereich hat in den letzten Jahren als Wirtschafts- und Wettbewerbsfaktor in Europa stärker an Bedeutung gewonnen als die Kreativwirtschaft. Für die österreichische Wirtschaft ist die Kreativwirtschaft ein Wachstums- und Innovationsmotor und stellt damit einen bedeutenden Erfolgsfaktor dar. Das Innovationspotenzial ist in der Kreativwirtschaft selbst sehr hoch, sie wirkt aber auch als Katalysator für innovative Produkte und Dienstleistungen anderer Unternehmen und trägt zu deren Wertschöpfung und Wachstum bei. Diese Cross-Over-Effekte der Kreativwirtschaft sind der Schlüssel für Erneuerung und Veränderung der traditionellen Wirtschaft und heimischen Branchen. Von diesem Kreativwirtschaftseffekt können regionale Innovationssysteme und der Wirtschaftsstandort selbst profitieren.

Die Kreativwirtschaft als Avantgarde der Wirtschaft

Seit 2003 begleitet die Kreativwirtschaft Austria (kurz KAT) mit fünf Kreativwirtschaftsberichten die Entwicklung der heimischen Kreativwirtschaft. Dabei sieht man, wie die Kreativwirtschaft eine Vorreiterin unterschiedlicher Entwicklungen in der Gesamtwirtschaft ist und wie sie sich selbst über die Jahre positiv entwickelt hat. Inzwischen ist jedes zehnte österreichische Unternehmen der Kreativwirtschaft zuzurechnen. Mit über 140.000 Beschäftigten in der Kreativwirtschaft produzieren diese rund 40.000 Unternehmen jährlich Güter und Dienstleistungen im Wert von über 20 Milliarden Euro, das entspricht 4 % Wertschöpfung aller österreichischen Unternehmen. Damit ist die Kreativwirtschaft ein wichtiges Standbein der österreichischen Wirtschaft.
Nicht nur in der Wirtschaftsleistung ist die Kreativwirtschaft Schrittmacher für andere Branchen, die Kreativwirtschaft gilt auch als Pionierkraft der Digitalisierung. Sie zeichnet sich durch den weit verbreiteten Einsatz neuester Technologien und Methoden sowie durch die Digitalisierung vieler Arbeitsprozesse in ihrer täglichen Arbeit aus. Mit diesen Erfahrungen ist die Kreativwirtschaft Wegbereiterin und Triebkraft der Digitalisierung von Wertschöpfungsketten, die auch als die vierte industrielle Revolution oder „Industrie 4.0“  bezeichnet wird.
Der aktuelle Bericht der Kreativwirtschaft Austria zeigt, dass 20 % der Kreativleistungsnachfrage in der Wirtschaft direkt oder indirekt durch die öffentliche Hand ausgelöst wird. Dies entspricht rund 3,4 Milliarden Euro Umsatz, die direkt durch den Staat selbst oder durch Folgeaufträge von öffentlichen Auftragnehmerinnen und Auftragnehmern generiert werden. Kreativunternehmen helfen der öffentlichen Hand bei der Entwicklung von neuen kundinnen- und kundenorientierten Services und bei der Entwicklung von öffentlichen Dienstleistungen. Dies verdeutlicht, welch wichtige Rolle die öffentliche Hand als Nachfragerin hat – ein Faktum, das oft so nicht wahrgenommen wird.

Netzwerke Kreativwirtschaft – klein aber fein

Jedes zehnte Unternehmen in Österreich gehört der Kreativwirtschaft an. Betrachtet man nur den Dienstleistungsbereich, ist es sogar jedes achte. Die Kreativwirtschaft besteht aus Architektinnen und Architekten, Werberinnen und Werber, Designerinnen und Designer sowie erwerbsorientierten Unternehmen und Selbständigen. Die Kreativwirtschaft erstreckt sich über die Bereiche Musik, Buch und künstlerische Tätigkeit, Radio und TV, Software und Games, Verlage oder Video und Film. Die drei größten Kreativbranchen Musik, Buch und künstlerische Tätigkeit (27 % aller Betriebe), Software und Games (24 %) und Werbung (23 %) haben die meisten Beschäftigten, die größten Umsätze und die höchste Wertschöpfung.
Zwei Drittel der gut 40.000 heimischen Kreativunternehmen haben keine Angestellten, sind also Ein-Personen-Unternehmen (EPU). Zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft besteht nur gut jeder dritte Betrieb aus einer einzigen Person. Diese Kleinteiligkeit und Übersichtlichkeit ist die Kraft der Kreativwirtschaft. In Krisenzeiten bedeutet dies, das Kreativunternehmen schneller auf Marktveränderungen reagieren und damit resilienter auf Strukturveränderungen reagieren können. Diesen kleinen Strukturen begegnet die Kreativwirtschaft mit intensiven Kooperationen. Das erfordert Koordination, Kooperation und Kollaboration in der Zusammenarbeit mit anderen Kreativunternehmen und Auftragnehmer_innen. Daher ist die Zusammenarbeit das Wesen der Kreativwirtschaft; Kollaborationen und Kooperationen in Form von Geschäftspartnerschaften, Agenturmodellen oder unter einem gemeinsamen Label. Wenn die heimischen Kreativunternehmerinnen und -unternehmer Leistungen zukaufen, dann vor allem aus der eigenen Branche: 40 % des Gesamtumsatzes machen die Kreativunternehmen mit anderen Unternehmen aus der Kreativwirtschaft.

Regionaler Faktor

Kreativunternehmen zeigten sich zuletzt nicht nur widerstandsfähig in Krisenzeiten, sie leisten auch einen wichtigen Beitrag, um Städte, Gemeinden und Regionen zu positionieren und zu entwickeln. Die Kreativwirtschaft ist eine wichtige Schnittstelle zwischen Innovation, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft, die dafür sorgt, dass ein Zusammenspiel von Technologie, Bildung, Arbeitsräumen, Kultur und Wirtschaft ermöglicht wird. Mit ihren Produkten und Dienstleistungen unterstützt die Kreativwirtschaft andere Branchen und Regionen, um konkurrenzfähig zu bleiben, sich besser zu vermarkten und Geschäftsprozesse zu innovieren. Nicht nur das: Kreative gelten in der Regel als positive Vordenker_innen. Dieser Spillover-Effekt der Branche sorgt also dafür, dass zugleich auch gesellschafts- und kulturpolitische Faktoren angestoßen werden. Regionen werden durch die neuen Impulse der Branche gestärkt: Mit frischen Ideen und einer intelligenten Positionierung lässt sich auch der Strukturwandel besser bewältigen.

Cross-Over-Effekte der Kreativindustrie

Durch die Struktur, Bedingungen und Eigenheiten der Kreativwirtschaft entstehen Cross-Over-Effekte für Gesellschaft und Wirtschaft. Diese Cross-Overs findet man in Zusammenarbeit mit Expert_innen und Spezialist_innen außerhalb, aber auch innerhalb der Kreativwirtschaft. Durch diese neuen Formen der Zusammenarbeit und den Einsatz von neuen Methoden und Anwendungen entstehen neue innovative Lösungen. In dieser Verbindung tauchen neue Perspektiven und neue Kombinationen in der Zusammenarbeit zwischen einzelnen Sektoren, Branchen und Expert_innen auf. Innovationen – neue Ideen, Methoden und Ansätze – werden in der Kreativwirtschaft entwickelt, ausprobiert und verfeinert und können in transformativen Prozessen von traditionellen Unternehmenübernommen werden. Was die Kreativwirtschaft für Unternehmen leisten kann, zeigt beispielhaft auch der Wettbewerb über die beste Kreativwirtschaftsgeschichte, der von der KAT ausgeschrieben wird. Dabei sammelt die KAT erfolgreiche und anschauliche Beispiele, die zeigen, wie Cross-Over-Effekte wirken, und wie Kreativschaffende mit ihren Kund_innen aus der Wirtschaft aus einfachen Produkten geniale Geschichten machen oder eben aus ganz komplizierten Geschichten genial einfache Sachen entstehen.

KAT – die Kreativwirtschaft Austria

Die Kreativwirtschaft Austria bietet umfangreiche Serviceleistungen für den wirtschaftlichen Erfolg der Kreativen und ihre branchenübergreifende Vernetzung. Die Kreativwirtschaft  Austria vertritt als Teil der Wirtschaftskammer die Interessen der Kreativwirtschaft in Österreich bzw. gegenüber der Europäischen Union und setzt sich für die Sichtbarkeit kreativwirtschaftsbasierter Leistungen ein.

Der Autor:
Gerin Trautenberger arbeitet seit 1992 als Art und Creative Director für unterschiedliche Firmen in Europa und der USA. 2005 gründete er die Microgiants GmbH für Produkt und Service Design und ist auf Designmanagement und Beratung spezialisiert. Von 2011 bis 2013 war er Mitglied der European Design Innovation Initiative, um die Europäische Kommission in Fragen der Innovation und Designpolitik zu beraten. Seit Juni 2013 ist Gerin Trautenberger Vorsitzender der Kreativwirtschaft Austria (KAT) in der Wirtschaftskammer Österreich.

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