“Freiheit als politisches Dispositiv” / Eva Maria Stadler

Prof. Eva Maria Stadler - Kuratorin für zeitgenössische Kunst

Der Freiheit ihre Kunst: Kreative Anpassung oder Widerstand des Ästhetischen

— Eva Maria Stadler

Worin besteht die „Kunst der Freiheit“? Um die eigenen Handlungen in einem gesellschaftlichen und zunehmend globalisierten Kontext zu begreifen, bedarf es einer Kultur, in der Bildung, Wissen, Denken, Fähigkeit zur Kritik wieder zu einer politischen Kategorie werden. Der Kunst kommt dabei eine entscheidende Rolle zu, denn sie vermag sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung mit Ratio, dem Denken und der Kritik in ihrem Widerstreit miteinander zu verknüpfen.

Die goldenen Lettern an der Wiener Secession, dem weiß strahlenden Gebäude von Joseph Maria Olbrich, gaben die Losung für das 20. Jahrhundert aus: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit. Der mit einigem Pathos formulierte Text von Ludwig Hevesi wurde zum Programm für die Kunst der Moderne. Frei sollte sie sein die Kunst, frei von politischer Vereinnahmung und Repräsentation. Die Freiheit der Kunst hat nicht aufgehört auf dem Prüfstand zu stehen, auch wenn es möglich ist, sich in manchen Kulturkreisen zumindest auf den Anspruch auf Freiheit zu verständigen.

Unbehagen bereitet in diesen Tagen sehr wohl die Rücknahme eines qualitativen Freiheitsverständnisses. In Kritik stehen aber zudem Aneignung und Transformation der ästhetischen Freiheit durch Vorstellungen des Liberalismus. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Missverständnis um den Begriff der Kreativität.

Creatio ex nihilo lautet der Zauberspruch, auf den sich all jene berufen, für die Kreativität ein Versprechen auf eine Teilhabe an der Schöpfungsgeschichte darstellt. Aus dem Nichts zu schöpfen – süß und verführerisch mutet diese Formel an. Nichts scheint Voraussetzung zu sein, keine Ressource, keine Materie, keine Kompetenz, zählen würde einzig, der Wille zu schaffen. Es nimmt nicht wunder, dass Kreativität in einer Welt, in der das grenzenlose Wachstum zur Ideologie geworden ist, zur Verheißung wird, ja mehr noch zur Pflicht wird, da sie von der Hoffnung oder der Spekulation getrieben ist, aus ihr Kapital schlagen zu können. Doch was ist ihr Preis?

Die Avantgardefunktion der Kunst, die ihr am Beginn des 20. Jahrhunderts zugeschrieben wurde, der Blick nach vorne, wurde zu ihrer Bedingung, und damit auch zur Beschränkung. Denn Progression, Zukunft, Linearität und der Glaube an das Neue bilden letztlich eine eindimensionale Folie, vor deren Hintergrund die Erwartungen an die Kunst gestrickt werden. Die Befreiung aus totalitären Regimen, die die Avantgarde begleitet hat, die Errungenschaft der Freiheit der Kunst und des Denkens wird aufs Spiel gesetzt, wenn sie sich in ihrem Streben nach dem Neuen von der Logik der Verwertbarkeit vereinnahmen lässt. Freiheit im Sinne von freedom ist zu einer Freiheit im Sinne von liberty geworden. Unter freedom kann man die Emanzipation aus hegemonialen Verhältnissen verstehen, liberty meint die Freiheit zu handeln, zu tun, was immer der Augenblick erlaubt. Die Kunst hat ihren Anteil an dieser Entwicklung, spielte sie doch eine zentrale Rolle in der Hervorbringung des Individuums. Die ästhetische Empfindsamkeit des Subjekts, die sich entlang der politischen und sozialen Umwälzungen der Französischen Revolution ausgebildet hat, der romantisierende Rückzug auf das Ich und der Stellenwert der Selbstbestimmung, der Autonomie und Unabhängigkeit haben das Ihre getan zur fortschreitenden Ermächtigung und Prekarisierung des Einzelnen. Die Krise, der fragile Höhepunkt, an dem es die Gelegenheit beim Schopfe zu packen gilt, kann als Ausdruck dieser Prekarisierung gelesen werden. Ihre Dynamik, ihre steilen Auf- und Abschwünge geben das Tempo vor.

Demokratische Prozesse geraten in den Sog von Kurven, Ausschlägen und Zyklen im Koordinatensystem der Aktienindizes und verlieren dabei ihre Gestaltungskraft. Die Legitimation politischer Macht erklärt sich zunehmend aus der Annahme wirtschaftlicher Notwendigkeiten, was nach Jaques Rancière eine Selbstverleugnung der Macht darstellt. Rancière hat für diese Gleichsetzung von Demokratie mit der Dynamik der Wirtschaft den Begriff der Postdemokratie geprägt. Postdemokratien beschreibt er als ideologische Formationen, die das Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung an den Einzelnen delegieren. Nicht einer gesellschaftlichen Verantwortung, sondern der Eigenverantwortung wird das Wort geredet. Eve Chiapello und Luc Boltanski verweisen in diesem Zusammenhang auf die Vorbildfunktion der Künstler für eine Ideologie, die Individualisierung, Mobilität und Flexibilität zum normativen Rollenbild idealisiert. Denn der Wunsch nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit scheint prekäre Lebensverhältnisse aufzuwiegen, aber mehr noch, sie scheinen sie mit hervorzubringen. Im Blick auf das „Freiheitsmodell der Postdemokratie gelte es das Ich-Ideal der kreativen Selbstverwirklichung in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zurückzustellen und in seiner ideologischen Funktion zu erkennen“¹, sagt Juliane Rebentisch in ihrer Untersuchung zur „Kunst der Freiheit“.

Um die eigenen Handlungen in einem gesellschaftlichen und zunehmend globalisierten Kontext zu begreifen, bedarf es einer Kultur, in der Bildung, Wissen, Denken und die Fähigkeit zur Kritik wieder zu einer politischen Kategorie werden. Und dies nicht nur um gewappnet zu sein für das Diktat der Ökonomie, sondern um soziale Zusammenhänge verhandelbar zu machen. Der Kunst kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Sie vermag sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung mit Ratio, dem Denken und der Kritik in ihrem Widerstreit miteinander zu verknüpfen. Die Fähigkeit, sinnlich zu denken, Fragen zu stellen, auf Distanz zu gehen, gilt es auszubilden, zur Kultur zu machen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass in postdemokratischen Verhältnissen die Ablehnung von Bildung, Kunst und Kultur besonders hoch ist. Zu sehr werden diese Bereiche einer angenommenen Elite zugeordnet, die in der Lage ist, Bildung und Kultur im kapitalistischen Sinne anzuhäufen. Und in der Tat wird Wissen in unseren Bildungssystemen akkumuliert, aber selten verdaut. Besonders fragwürdig erscheint der Umstand, dass der Zugang zu Bildung in erster Linie über die Fähigkeit der Wissensmehrung reguliert wird. Die Gier nach Neuem ist wie die Gier nach Wissen ein wichtiger Produktionsfaktor, aber müsste eine gebildete Gesellschaft nicht über mehr verfügen als über einen Haufen Wissen? Selbst die aktuell diskutierte Ausbildung von Kompetenzen scheint hier zu kurz zu greifen, denn entscheidend ist ja der Umgang mit Wissen und der Einsatz von Kompetenzen, die gestaltend wirken können.

Aktuell müssen wir wieder erleben, dass Wissen als Bedrohung von etablierten Herrschaftsverhältnissen begriffen wird, und so verbünden sich Bildungsgegner mit jenen, denen der Zugang zum Bildungskapitalismus verwehrt ist. Widerstand gegen Entwicklungen wie diese besteht allein darin, Fragen oder Gedanken zu formulieren, die es ermöglichen, Alternativen, offene Räume und Gegenmodelle zu denken, die nicht allein das Wohl des Einzelnen, sondern das einer Gemeinschaft in den Blick nehmen.

Netzwerke, Kooperation und Partizipation sind die Schlagworte, die auf die Diagnose der Vereinzelung des Subjekts folgen. Ihr Potenzial aber auch ihre Schwächen gilt es in den Blick zu nehmen. Denn allzu schnell wurden und werden auch diese Strategien des Gemeinschaftlichen vereinnahmt, um den politischen Machterhalt nicht zu gefährden. So argumentiert der Architekt Markus Miessen, dass Partizipation zum „Radical Chic und zur Modeerscheinung bei Politikern geworden ist, die sicherstellen wollen, dass das Werkzeug selbst keinen kritischen Inhalt produziert, sondern zu etwas wird, was Kritikalität demonstriert.“² Versuche auch die Kunst für eine solche Form der Scheinkritikalität zu nutzen, stehen ebenfalls auf der Tagesordnung. Die Kunst wird gerne zum Stellvertreter des Widerstands degradiert, zu einer Kopie von Freiheit und gesellschaftlicher Teilhabe. Als Auftriebsmittel und gesellschaftliche Beruhigungspille bezeichnet Miessen jene Form der Partizipation, bei der den Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen würde, von dem aus sie „aktiv die Aktionen der Entscheider und Volksvertreter kritisieren könnten“. Unter Vorhaltung eines phänomenalen Freiheitsversprechens werden Widerstand und Kritik mundtot gemacht. Kunst und Politik sind gleichermaßen gefordert, der Freiheit eine Form zu geben, und sie nicht in einem Sumpf von Recht und Anspruch darauf versinken zu lassen.

Die Autorin

Eva Maria Stadler ist Professorin für Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst in Wien und Kuratorin für zeitgenössische Kunst. Sie unterrichtete an der Akademie der bildenden Künste in München und Wien sowie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart . Von 2012-2013 war sie Leiterin der Galerie der Stadt Schwaz. Von 1994-2005 war sie Direktorin des Grazer Kunstvereins, von 2006-2007 curator in residence an der Akademie der bildenden Künste in Wien und von 2007-2011 Kuratorin für zeitgenössische Kunst am Belvedere in Wien. Eva Maria Stadler lebt in München und Wien.

1 Juliane Rebentisch: Die Kunst der Freiheit, Zur Dialektik demokratischer Existenz. Berlin: suhrkamp 
taschenbuch wissenschaft 2012, S. 374.
2 Markus Miessen: Albtraum Partizipation. Berlin: Merve Verlag 2012, S. 39.
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