“Künstler_innen als Katalysator_innen für Innovation” / Gerfried Stocker

Gerfried Stocker - Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik

C – what it takes to change

— Gerfried Stocker

Die Herausforderungen unserer Zeit sind zu groß und komplex, um durch Expertisen einzelner Gruppen oder Disziplinen gelöst werden zu können. Selbst wenn die prinzipielle Kooperationsbereitschaft verschiedener Gruppen gegeben ist, braucht es immer noch einen geeigneten Katalysator, um einen kreativen Kooperationsprozess auszulösen. Aber welche Modelle kreativer Kooperationen führen auch zu innovativen Ergebnissen?

Wissen, Kreativität, Ideen: die Rohstoffe der Zukunft. Geschenkt! Das hat sich nun wirklich schon herumgesprochen und wird routiniert und eifrig von Politik und Wirtschaft propagiert. Alle sind für Kreativität, alle wollen besser ausgebildete Mitarbeiter_innen und alle wollen von neuen Ideen profitieren. Super! Aber wer will dazu etwas beitragen? Wer versteht, dass diese Rohstoffe nicht abgebaut, sondern aufgebaut werden müssen, dass man sie nicht gewinnen, sondern nur in sie investieren kann? Nur wenn wir das Ökosystem von Kreativität und Innovation verstehen, respektieren und ausreichend mit Nährstoffen versorgen, können wir uns auch erhoffen davon zu profitieren. Kreativität und Innovation fallen nicht vom Himmel und lassen sich auch durch kein noch so schlaues Designthinking und strategisches Innovationsmanagement herbeiplanen. Interdisziplinarität kann nicht heißen, dass sich viele den gleichen Kuchen teilen und jeder sein Stück bekommt, sondern den Kuchen gemeinsamen zu backen, indem jeder sein Stück einbringt. Binsenweisheit? Ja natürlich, aber reden Sie mal mit den CEOs, den Forschungs- und Entwicklungsleiter_innen, mit den Marketingdirektor_innen und Kulturmanager_innen, mit den Policymaker_innen. Also, was braucht es und was ist zu tun? Was ist eigentlich wichtiger, neue Wege zu gehen oder eine andere Richtung einzuschlagen…“

Mit diesem Pamphlet begann 2014 das Themenstatement zur Ars Electronica, dem internationalen Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft, das schon seit 1979 jährlich in Linz stattfindet. Für 2014 hatten wir das Festival unter dem Titel „C – what it takes to change“ ganz der Frage gewidmet, welche Rolle Kunst in Veränderungs- und Innovationsprozessen spielen kann. Das C stand dabei nicht nur für Change sondern für ganz viele Faktoren, die es dafür braucht, ganz am Anfang natürlich Creativity und Collaboration, dann aber auch Catalyst. Ein Begriff, der in den letzten Jahren immer öfter auftaucht, wenn es darum geht, die Dynamiken für Change und Innovation zu beschreiben.

Katalysator, klar, klingt gut, ist ja auch ein Begriff, der aus der Naturwissenschaft kommt und damit der immer vagen Begriffswelt der Kunst gleich auch eine Dosis Berechenbarkeit und Anwendungsnähe vermittelt. Und das kann nie schaden, wenn man Kunst plötzlich nicht als schönen Zeitvertreib oder Dekor für Bankfoyers, sondern als Teil einer Wertschöpfungskette positionieren will.

Wenn man es aber nicht nur als trendigen Begriff sehen und gleich wieder zerpflücken will – und ich denke mittlerweile gibt es doch eine große Zahl an erfolgreichen Beispielen für die Innovationspotenziale, die aus kreativen, künstlerischen Ansätzen und Praktiken kommen – dann lohnt es sich tatsächlich nachzuschlagen, was ein Katalysator eigentlich ist und tut.

Ausgangspunkt ist die Chemie. Aus der Schule wissen wir noch, dass, wenn es darum geht, eine chemische Reaktion herbeizuführen, in der Regel Energie zugeführt werden muss. Manchmal aber bräuchte man einfach zu viel Energie und dann hilft der Katalysator.

Ein Stoff, der es den Elementen, die man zum Reagieren bringen will, leichter macht, sich aufeinander einzulassen und dabei etwas Neues hervorzubringen. Konkret gesagt, reduziert ein Katalysator die freie Energie, die für eine Reaktion notwendig ist, ohne sich selbst dabei zu verbrauchen.

Und das ist doch die Situation, die wir aktuell vorfinden. Die Herausforderungen unserer Zeit sind größer als die Expertisen einzelner Gruppen bzw. Disziplinen und wir wissen, dass wir neue Konstellationen und Paradigmen der Zusammenarbeit schaffen müssen, um über die gewohnten Bahnen hinauszukommen. Wir müssen aus dem Nebeneinander ein Miteinander machen und das sehr oft zwischen Arbeitsweisen oder sogar Weltanschauungen, die nicht von selbst oder nur mit hohem externen Energieaufwand dazu zu bringen sind. Damit solche „chemischen“ Reaktionen stattfinden und die essentielle Basis für Innovationen legen können, braucht es eben diese fast magisch anmutenden Eigenschaften von Stoffen, die Jöns Jakob Berzelius 1835 entdeckte und Katalysatoren nannte. 60 Jahre später definierte der Nobelpreisträger Wilhelm Oswald einen Katalysator folgendermaßen: „(…) ein Stoff, der die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion erhöht, ohne selbst dabei verbraucht zu werden (…)“ Könnte das nicht auch eine großartige Beschreibung der Wirkung von Kunst sein? Ohne sich selbst zu verbrauchen, etwas zu bewegen, in Gang zu setzen, Unerwartetes entstehen zu lassen etc. Eine Wirkung, die ihr traditionell vor allem in gesellschaftlichen Transformations- und Erneuerungsprozessen immer zugestanden wurde, wenn es darum ging, Horizonte zu erweitern und neue Ideen zu positionieren.

Das ist aber auch genau die Wirkung, die wir für die immer wieder zitierten Innovationsprozesse in Technolgie und Wirtschaft benötigen. Nicht weil den Ingenieuren plötzlich keine Lösungen mehr einfallen würden, sondern weil wir in gänzlich neuen Formen und Intensitäten eine Überschneidung von technologischer Innovation mit gesellschaftlichen Fragestellungen und individuellen Bedürfnissen vorfinden. In einer Welt, in der Technologie und Mensch (und das heißt ja dann immer auch Produkt und User) dermaßen eng „zusammenleben“, wie wir es jetzt ansatzweise schon tun, aber noch unvergleichlich intensiver in den nächsten Jahrzehnten realisieren werden, gehen die Anforderungen an Innovation weit über die Stammbereiche des Ingenieurwesens und des Designs hinaus.

Die Motivation und das konzeptuelle Gerüst für „the artist as catalyst“ ist zum einen aus der praktischen Erfahrung von vielen kreativen Innovationsprojekten entstanden, die wir mit dem 1996 gegründeten Ars Electronica Futurelab gesammelt haben, zum anderen aber auch den Erkenntnissen aus dem Prix Ars Electronica zuzuschreiben, unserem internationalen Wettbewerb für CyberArts bei dem jährlich 3.000-4.000 Einreichungen aus aller Welt einlangen – ein einmaliges Observatorium für Trends und Entwicklungen in Kunst und Technologie.

Im Futurelab, dem Inhouse-Think-Tank und Prototypenlabor der Ars Electronica, entstehen nicht nur die Ausstellungsprojekte für das Ars Electronica Center und Artists in Residence-Projekte für das Festival, sondern auch viele Auftragsforschungen für die Industrie.

Es ist der mittlerweile 37-jährigen Verortung von Ars Electronica im Nexus von Kunst, Technologie und Gesellschaft – einst Niemandsland, heute gefragter Hot-Spot – geschuldet, dass hier ein feinfühliges Ökosystem entstehen konnte, in dem originär künstlerische Arbeit ebenso intensiv betrieben wird, wie an konkreten Aufgabenstellungen orientierte kreative Innovation für die Industrie. Der Bogen, der hier zu spannen ist, könnte gar nicht größer sein und dennoch liegt all diesen Aktivitäten ein gemeinsamer Tenor zu Grunde: Neugierde, Offenheit, Risikobereitschaft und eine im höchsten Maße interdisziplinäre Zusammensetzung der jeweiligen Projektteams, die nicht nach künstlerischen und kommerziellen Projekten aufgeteilt sind, sondern gleichermaßen in beiden Sphären arbeiten und vom wechselseitigen Erfahrungs- und Erkenntnisgewinn profitieren.

Dabei handelt es sich um Kooperationen, in denen es nicht mehr darum geht, dass die Industrie die Kunst sponsert und als Gegenleistung Imagetransfer oder etwas Ablenkung vom Alltag erwartet. Es geht auch über die Creative Industry Metapher hinaus, in der die Kunst zum Kunsthandwerk wird und sich in verkaufbare Produkte hüllt. Das sind Modelle, die seit langem ihre Gültigkeit und Notwendigkeit beweisen. Wenn wir aber von Kunst bzw. den Künstler_innen als Katalysator_innen sprechen, dann wird eine weitreichendere Erwartungshaltung aufgespannt, in der Kunst Wirkung weit über ihre eigenen Territorien hinaus entfalten kann, und sich auf Augenhöhe mit den Partner_innen aus Forschung und Industrie befindet. Diese Augenhöhe und der gegenseitige Respekt sind übrigens Grundvoraussetzungen, um die Diversität der Zugänge auch nutzen und zur Wirkung bringen zu können. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, dass dies für beide Seiten ein hohes Maß an Adaption und Flexibilität erfordert und derartige Prozesse auch einer kompetenten Moderation bedürfen. Wobei aber nicht verschwiegen werden darf, dass wir uns mit diesem Ansatz noch auf sehr neuem und ungewissem Terrain befinden, wenngleich es schon eine erstaunlich große Zahl an erfolgreichen Projekten vorzuweisen gibt.

Die Liste der internationalen Konzerne, die zu unseren aktuellen Partner_innen gehören, ist erfreulich lang und diversifiziert und umfasst Firmen wie Daimler, Honda, Toyota, BMW, Audi, VW, Siemens, Toshiba, INTEL, SAP, um hier nur die großen internationalen Flaggschiffe zu nennen und auch nur jene, die ihre Kooperation mit der Kunst nicht unter ein NDA stellen. Im Bemühen dieser vielversprechenden Idee Form und Methode zu geben, ist in den letzten Jahren ein richtungsweisendes Kooperationsprojekt entstanden. Unter dem Label „Future Catalysts“ arbeiten wir mit Hakuhodo, der zweitgrößten Werbe- und Beratungsagentur Japans zusammen und erproben und verfeinern unser Konzept von Art-Thinking.

Eine Weiterentwicklung des mittlerweile sehr erfolgreichen Design-Thinkings, bei der es aber nicht darum geht, Lösungen für konkrete Problemstellungen zu finden, sondern vielmehr um eine Vorstufe dessen. Eine Vorstufe, die es erlaubt, sich in der Vielzahl von potenziellen Möglichkeiten und Chancen, die sich durch die rasanten und weitgreifenden Transformationen unserer Zeit ergeben, erstmal orientieren zu können, die gegenwärtige Position zu bestimmen und die relevanten Vektoren der Zukunft zu identifizieren. Ganz im Sinne der bewährten Beschreibung, nach der Wissenschaft da sei, um Antworten zu geben, die Rolle der Kunst es aber sei, Fragen zu stellen, haben wir das Prinzip der Creative Questions entwickelt, nach dem, ausgehend von den experimentellen Settings künstlerischer Projekte, pluriversale Zukunftsszenarien entworfen und analysiert werden. Diese Prozesse finden in Gruppen statt, die jeweils aus Künstler_innen, Techniker_innen, Social Activists und Entrepreneurs zusammengesetzt sind. Creative Questioning ist dabei eine Art Reverse Engineering von Zukunftsszenarien, wodurch Schwachstellen erkannt werden können, aber auch bislang ungesehene Richtungen und Möglichkeiten sichtbar gemacht werden: zum Beispiel wenn selbstfahrende Autos die Antwort sind, wie lauten die Fragen, die wir uns auf dem Weg dorthin stellen müssen?

Und das ist noch ein vergleichsweise einfaches Beispiel für die Fragen und Entscheidungen, denen wir uns als Gesellschaft stellen werden müssen. In diesem Sinne stand das C im Festivaltitel von 2014 auch für Confidence und Craving, also für das Vertrauen in und die Sehnsucht nach Veränderung.

Der Autor

Gerfried Stocker ist Medienkünstler und Ingenieur der Nachrichtentechnik. 1991 gründete er x-space, ein Team zur Realisierung interdisziplinärer Projekte, das zahlreiche Installationen und Performance-Projekte im Bereich Interaktion, Robotik und Telekommunikation realisiert hat. Seit 1995 ist Gerfried Stocker künstlerischer Geschäftsführer von Ars Electronica. 1995/96 baute er im Team eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung, das Ars Electronica Futurelab, auf. Unter seiner Führung wurden ab 2004 das Programm für internationale Ars Electronica Ausstellungen aufgebaut und ab 2005 die Planung und inhaltliche Neupositionierung für das neue und erweiterte Ars Electronica Center aufgenommen und umgesetzt.

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