„Von der Kultur der Kreativität“ / Gerald Bast

Dr. Gerald Bast - Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien

The time is now

— Gerald Bast

Mehr als zwei Jahrhunderte nach der ersten industriellen Revolution stehen wir neuerlich an einem gesellschaftlichen und ökonomischen Scheideweg. Können wir es uns in dieser Situation wirklich leisten, dass die zentralen Kulturtechniken für die Teilhabe an der Gesellschaft und Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, die Creative Skills, eher zufällig vermittelt werden? Nicht-lineares Denken, Imaginationsfähigkeit, die Fähigkeit unkonventionelle Zusammenhänge herzustellen, die Bereitschaft Vertrautes zu hinterfragen, um daraus neue Szenarien zu entwickeln, sind die Grundlagen zum Aufbau einer Kreativgesellschaft.

„If ever there was a need to stimulate creative imagination and initiative on the part of individuals, communities and whole societies the time is now. The notion of creativity can no longer be restricted to the arts. It must be applied across the full spectrum of human problem-solving.“¹

Wenn Sie die Geschichte der Menschheit vor Ihrem geistigen Auge vorbeiziehen lassen: Was kommt Ihnen da spontan in den Sinn? Was sehen Sie, wenn Sie an die Steinzeit denken? Höhlenmalereien vielleicht … den Umriss einer Hand auf der Felswand, der entsteht, wenn man die Hand auf den Fels legt und dann Farbstaub darauf bläst … oder ockerfarbene Jagdszenen mit Mammuts? Was sehen Sie, wenn Sie an die Geschichte Ägyptens denken? – Pyramiden … die Totenmaske von Tutanchamun? Und welches Bild verbinden Sie mit griechischer Geschichte? – Die Akropolis?

Was sagt uns die Tatsache, dass man seit Jahren bei jedem TV-Bericht über die griechische Finanzkrise im Hintergrund den Parthenon Tempel einblendet? Und wenn im Fernsehen über die globale Finanzkrise berichtet wird, sieht man meistens das Gebäude des New York Stock Exchanges in der Wall Street. Es sieht aus wie ein griechischer Tempel – und nicht nur Sarkastiker sehen darin den symbolischen Hintersinn des realen Machtgefüges. Und dennoch: Was über die Jahrhunderte weiter wirkt, ist die Kunst. Was bleibt, ist die Kunst. Alles andere hat ein Ablaufdatum – auch die großartigsten technischen Errungenschaften. Wir arbeiten nicht mehr mit Faustkeilen. Wir beleuchten unsere Städte nicht mehr mit Gaslaternen. Wir fahren nicht mehr mit Pferdekutschen. In den technischen Museen dieser Welt werden Automobile ausgestellt, nicht die nackten Motoren.

Innovation ist die Triebkraft der menschlichen Zivilisation. Aber Innovation ist ein Prozess, dessen Erfolg nicht allein auf Wissenschaft und Technologie beruht. Das erste benzinbetriebene Auto, von Siegfried Marcus 1889 konstruiert, war zu seiner Zeit absolut kein Erfolg. Der Erfolg wurde wenige Jahre später dem Benz-Automobil zuteil. Der Unterschied lag nicht in der Technologie. Das technische Grundprinzip des Motors war ident, ja bis heute sind die meisten Fahrzeuge noch immer durch Verbrennungskraftmaschinen angetrieben. Der wesentliche Unterschied war die Ästhetik, der Unterschied, der zum Erfolg führte, lag und liegt im Design. Die erreichbare Geschwindigkeit ist nüchtern betrachtet zu einem beträchtlichen Teil ein psychologischer Faktor. Der Marcus Wagen fuhr 6 – 8 km/h, der erste Benz von 1896 erreichte 14 – 16 km/h, der Benz von 1907 kam schon auf 95 km/h Höchstgeschwindigkeit. Die meisten Autos fahren heute in Städten – und zwar mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 19 und 35 km/h.

Schauen Sie sich das iPhone an. Es fasziniert über alle kulturellen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Es ist nicht so faszinierend, weil es technologisch perfekt wäre – es gibt Geräte mit besserer und reicherer Technologie. Es besticht durch seine Ästhetik, die gesellschaftliche Positionierung, das emotionsgeladene Image, welches „Lifestyle“ transportiert und produziert. Was ist ausschlaggebend für den Erfolg? Wirklich wichtig sind nicht die einzelnen Fähigkeiten, sondern das Zusammenspiel von Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Unser Gehirn hat Myriaden von Nervenzellen. Ein bloßes Wachstum von Nervenzellen im Gehirn reicht nicht aus, um die Gedächtnisleistung zu steigern, entscheidend sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, die Synapsen. Sie sind es, die das Potenzial von bloßer Information produktiv werden lassen. Entscheidend ist die Qualität und Reaktionsgeschwindigkeit der Verbindungswege und der Synapsen zwischen den einzelnen Zellregionen. Ebenso verhält es sich mit der Wissensgesellschaft: Die Verbindungslinien, die Kommunikation zwischen den Wissenszweigen bestimmen den Wirkungsgrad des Wissens in der Gesellschaft. Ohne ausreichend funktionsfähige Wissenssynapsen bleiben die Wissenstürme isoliert und selbstreferentiell. – Da mögen sie noch so hoch aufragen!

Kultur ist ein komplexes, synergetisch wirksames System von Wissen, Gestaltungswillen und Werten, die von einer Gruppe geteilt werden. In einer zunehmend sinnentleerten Wüste des Ökonomismus scheint der Shareholder Value der einzige Wert zu sein, der noch gedeiht. Wissen wird fragmentiert und isoliert, Kunst und Wissenschaft werden als getrennte Sphären behandelt, die mehr mit der Entwicklung der eigenen Disziplin oder Sub-Disziplin beschäftigt sind, als mit der Entwicklung der Gesellschaft. Und dann wundern sich manche, dass junge Leute, die in Europa oder den USA sozialisiert wurden, in den heiligen Krieg gegen die Werte der Aufklärung ziehen. Jürgen Habermas hat noch vor knapp 20 Jahren von der „aufgeklärten Ratlosigkeit“² gesprochen, in der sich die Gesellschaft befinde. Heute scheint es eher so, dass sich unsere Gesellschaft zunehmend im Status der abgeklärten Rastlosigkeit befindet. Werte werden nicht einmal mehr relativiert, sondern nur mehr als systemstörend angesehen und ignoriert. Während wir heute mit der Fiktionalisierung der Realität konfrontiert sind (Geld, Vermögen und Schulden werden zu fiktiven Finanzkonstruktionen, die nur mehr wenige in ihrer Vielschichtigkeit und in den multiplen Wirkungsmechanismen durchschauen), arbeitet die Kunst mit der Idee der Realisierung von Fiktionen. Für die Kunst sind Werte keine Störfaktoren für das Betriebssystem, sondern notwendige Arbeitsgrundlagen. Dazu einige Beispiele aus den Bereichen Digitale Kunst, Restaurierung, Grafikdesign und Social Design der Universität für Angewandte Kunst Wien:

In der Arbeit „Constraint City“ wird durch ein mechanisches Korsett, das auf W-LAN Signale in der Stadt reagiert, die virtuelle Architektur der Stadt sichtbar und fühlbar gemacht. Je stärker die Signale sind, desto stärker zieht sich das Korsett zusammen und macht dessen Träger bei einem Stadtrundgang schmerzlich bewusst, wie real die unsichtbare Architektur ist.

Das Institut für Konservierung und Restaurierung unterstützt nach dem Erdbeben in Nepal die Rettung der unter Unesco-Schutz stehenden Kulturdenkmäler, die für die lokale Bevölkerung nicht nur ein wesentliches Element ihrer kulturellen Identität, sondern auch eine zentrale wirtschaftliche Existenzgrundlage sind. Gefördert wird das Projekt vom Außenministerium und vom Kunstministerium.

Die „Expo der Minderheiten“ ist jenen Menschen unter uns gewidmet, die wenig soziale Macht und damit verbundenen finanziellen und politischen Einfluss innehaben: Den Armen und Kranken, den Flüchtlingen, den Alten und den Kindern.

Das Projekt „Feel Dementia“ thematisiert die soziale Stigmatisierung der Krankheit Demenz. Mittels künstlerischer Objekte wird die visuelle und auditive Wahrnehmung verändert. Passant_innen an öffentlichen Orten erhalten die Möglichkeit, Phänomene von Orientierungslosigkeit und Reizüberflutung selbst zu erleben und darüber zu reflektieren; Bewusstseinsveränderung durch künstlerische Interventionen als Voraussetzung für soziale Inklusion.

Unsere Welt ist komplexer geworden, vielschichtiger, verwobener. Während die Wissenschaftslandschaft geprägt wird von zunehmender Zersplitterung und immer mehr Spezialwissen hervorbringt, wird es immer wichtiger, in Zusammenhängen zu denken und zu handeln, weil alles mit allem in Beziehung steht.

Wir erahnen und erleben die Wirkungszusammenhänge, auch wenn deren Wirkungsmechanismen vielfach noch undurchschaubar sind. Vielleicht auch deshalb, weil abseits der Quantenphysik die Wissenschaft noch immer mit linearen und konsekutiven Kausalitätsmustern arbeitet. Disziplinenübergreifende Forschung wird – wenn überhaupt – vorwiegend nach dem System der Addition von Wissensaspekten und/ oder nach dem Muster der Hierarchie von Haupt- und Hilfswissenschaft praktiziert.

Das 20. Jahrhundert hat diesen Planeten – oder weite Teile davon – von einer Welt der Gewissheit in eine Welt des Infragestellens und Zweifelns verwandelt. Und die Künste waren an dieser Beeinflussung der Weltsicht mindestens ebenso beteiligt wie die Wissenschaften. Ja, wenn man genauer auf die Parallelitäten in der Kunstgeschichte und der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere des frühen 20. Jahrhunderts blickt, von den grundlegenden Umwälzungen in Musik, bildender Kunst und Design bis hin zu den Paradigmenwechseln in Physik, Psychologie und Medizin, dann wird sogar deutlich, wie stark die Wechselwirkungen zwischen den scheinbar getrennten Sphären waren. Dabei wird aber auch klar, wie die Macht von Wissenschaft und Kunst noch potenziert werden kann, wenn die beiden in einen konstruktiven Austausch treten – im Bewusstsein sowohl ihrer eigenen Stärke und Identität als auch im Bewusstsein ihres synergetischen gesellschaftlichen Wirkungspotenzials – jenseits der Citation Indices und Kunstmarkt-Rankings. Künstler_innen sind Expert_innen für den Umgang mit Unsicherheit und Ambiguität, was nicht gerade unwichtig ist, in Zeiten, in denen Populist_innen mit einfachen Lösungen und billigen Patentrezepten werben. Die Tatsache, dass die Komplexität unserer Gesellschaften und der menschlichen Lebensbedingungen in dramatisch anwachsender Geschwindigkeit zunimmt, wird immer deutlicher sichtbar. Und es steigt das Bewusstsein, dass diese Komplexität mit der linearen Fortsetzung dessen, was schon existiert, in kurzer Zeit nicht mehr beherrschbar sein wird.

„Bei einer wissenschaftlichen Theorie weiß man, noch ehe sie bewiesen ist, dass sie richtig ist, weil sie ästhetisch befriedigend ist. Nicht weil sie logisch in sich stimmig ist, sondern einfach, weil sie sich ‚richtig anfühlt‘.“³ Das sind nicht die Worte irgendeines obskuren Esoterikers. Nein, Prof. Wolf Singer, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, hat das geschrieben. Er behauptet, bei der wissenschaftlichen Theoriebildung benutze man Kriterien, die weit über das hinausgehen, was man logisches Schließen nennt. Kreativität ist für Singer in der Wissenschaft ebenso wie in den Künsten „die Fähigkeit, etwas zusammen zu sehen, was bisher noch nicht zusammen gesehen worden ist, Bezüge herzustellen, die nicht beliebig sind“. Der Hirnforscher ist der Überzeugung, „dass mit allem, was sich nicht rationaler Sprachen bedient – die bildende Kunst, die Musik, der Tanz – ein Wissen transportiert wird, das über die rationale Sprache nicht transportiert werden kann […] Aber hierzu müssen die Sprachen der Kunst erlernt werden.“⁴ Die Kunstuniversitäten sind die letzten Bastionen in diesem Land, die diese Sprachen der Kunst noch ernsthaft vermitteln. Und ausgerechnet diese Bastion wird in den letzten Jahrzehnten systematisch sturmreif geschossen mit Argumenten, welche die Bildung dem Diktat kurzfristiger Verwertbarkeit und Nützlichkeit im Interesse der Employability zu unterwerfen sucht. An den Primar- und Sekundarschulen führt die Kunst – wenn überhaupt – ein kümmerliches Dasein, kontinuierlich reduziert, paradoxer Weise auch durch schulautonome Entscheidungen und oft angesiedelt am Ende eines Unterrichtstages, weil die „wichtigeren“ Fächer jene Stunden erhalten, in denen die Schüler_innen potenziell noch konzentriert sind; und allesamt durchgeführt in Unterrichtseinheiten, die in der Regel streng voneinander getrennt sind. An den österreichischen Universitäten und Fachhochschulen gibt es mehr als 1.600 Studiengänge und weltweit ist die Zahl der wissenschaftlichen Disziplinen auf 4.000 angewachsen; ein beeindruckendes Spektrum an wissenschaftlicher Vielfalt. Innerhalb dieser immer fragmentierteren Disziplinen und Sub-Disziplinen wird primär geforscht, weil es nur dort Publikationsmöglichkeiten gibt, mit denen Punkte für die wissenschaftliche Karriere erworben werden können. Das Zusammenführen von Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen steht nicht auf der akademischen Agenda. Im Gegenteil.

„MINT oder Masse“ lauten die schrillen Alternativen, die man den Jugendlichen als Entscheidungshilfe vor ihrer Studienwahl anbietet, um mehr Studierende in eines der spezialisierten Studien in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik zu bringen. So treibt man den Keil weiter hinein in unser Bildungssystem und in unsere Gesellschaft, die noch immer geprägt sind vom Geist der industriellen Revolution, deren Motoren Fragmentierung, Spezialisierung und Rationalisierung waren. Aber nicht Spaltkeile sind jetzt für unser Bildungssystem gefragt, sondern Brücken, intellektuelle und emotionale Brücken. Brücken, die künstlerisches Gestaltungswissen und Kreativität als unverzichtbare Grundpfeiler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklung erkennen und nicht bloß als nette Luxus-Attitüde einer kleinen Elite. Brücken, die Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft synergetisch miteinander vernetzen. Aber in der Realität werden Brücken auf Euro-Scheine gedruckt. Was für ein Symbol!!

Sind unsere Schul- und Hochschul-Absolvent_innen vorbereitet auf eine Welt, in der alles mit allem zusammenhängt? In der die großen gesellschaftlichen Herausforderungen nur in disziplinenübergreifender Zusammenarbeit lösbar sind? Unser Bildungs- und Wissenschaftssystem funktioniert im Wesentlichen nach Prinzipien, die im 18. und 19. Jahrhundert unter den Bedingungen des Industriezeitalters entwickelt wurden: Wissensvermehrung, Wissensaneignung und in der Folge Spezialisierung – intellektuelle Arbeitsteilung.

Wie bei jeder sozio-ökonomischen Umwälzung läuft es auch jetzt wieder auf ein „race between education and technology“⁵ hinaus, wie die Harvard Ökonom_innen Claudia Goldin and Larry Katz betonen. Die Änderungen im Bildungssystem werden jetzt ähnlich drastisch sein müssen, sowie im 18. Jahrhundert. Damals wurde im Gleichklang mit der ersten industriellen Revolution in ganz Europa die allgemeine Schulpflicht eingeführt; gegen massive politische Zweifel über die Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme für eine damals noch weitaus überwiegend agrarisch ausgerichtete Gesellschaft. Und anders als bei den früheren Umgestaltungen des Bildungssystems wird es nun nicht mehr um die Vermittlung von zusätzlichen Kenntnissen und Fertigkeiten gehen, sondern die kreative Verknüpfung von Wissen, das Denken in Alternativen und Zusammenhängen, die von bekannten Mustern abweichen, Imaginationsfähigkeit, das Bewusstsein, dass es auch andere Formen von Kommunikation gibt als schriftliche und mündliche – kurz: der Erwerb und die Erprobung von Creative Skills wird im Mittelpunkt der neuen Bildungsrevolution stehen müssen.

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge Wahrheit zu sein!“⁶ hat Theodor Adorno einst behauptet. Und er trifft damit einen Nerv künstlerischer Kreativität, der sich durch die Geschichte zieht: Es geht um die Transformation von Wirklichkeit, es geht um Werte und es geht um Identität. Der Durchbruch vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild ging einher mit der Entwicklung der Zentralperspektive in der Renaissance-Malerei. Bei beiden paradigmatischen Umbrüchen wurde der Ausgangspunkt für den Blick auf die Welt zu einem Fixpunkt außerhalb des irdischen Geschehens verlagert.

Picasso löste in einigen seiner Arbeiten die visuelle und intellektuelle Relation zwischen Material, Form, Zeit und Ort auf; ein paar Jahre bevor Einstein seine Relativitätstheorie formuliert und Heisenberg mit seiner Unschärferelation die herkömmliche Vorstellung von Wirklichkeit für obsolet erklärt hatte. Diese wenigen Beispiele weisen darauf hin, dass es vielleicht unsichtbare Verbindungslinien zwischen künstlerischer Kreativität und wissenschaftlich-technischer Innovation gibt, die manchmal auch mit dem vagen Begriff „Zeitgeist“ umschrieben werden. Ironischerweise haben uns gerade die modernen Naturwissenschaften gelehrt, dass die entscheidenden Ideen nicht immer entlang einer vorhersehbaren Zeitleiste oder nach dem Muster der linearen Kausalität daher kommen.

Friedrich Kiesler, der 1926 aus Österreich in die USA ausgewanderte visionäre Denker, Architekt und Designer, entwickelte in den 1930er-Jahren seine Theorie, die unter Aufhebung aller Kunstgattungen und unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, Mensch und Umwelt als ganzheitliches System komplexer Wechselbeziehungen versteht. Correalismus⁷ nannte er diese Theorie, die heute von ungeahnter Aktualität ist. Kieslers Überzeugung, dass visionäres Denken zugleich realistisches Denken sei, macht Mut in Zeiten zunehmender Mutlosigkeit. Mehr noch: Kieslers Denkansatz wird immer wichtiger, je mehr unsere Welt von Unsicherheit und Ambiguität gekennzeichnet ist, weil diesen Herausforderungen nicht mit der Anwendung von Algorithmen und Robotern begegnet werden kann, sondern nur mit visionärem, korrelativem Denken, das der herrschenden Dominanz von Standardisierung und Fragmentierung kühn entgegengesetzt wird.

Vor der industriellen Revolution in der Mitte des 18. Jahrhunderts konnte sich niemand vorstellen, dass Europa, später die USA und Teile von Asien, in wenigen Jahrzehnten eine tiefgreifende und anhaltende Umgestaltung der Wirtschafts-, Arbeits- und Lebensbedingungen erfahren würde. Erfindungen, basierend auf der Verwendung von mechanischen Verfahren, veränderten die Art der Erzeugung von Produkten und den Transport von Gütern und Menschen. Große Teile der Bevölkerung verloren Beruf und Einkommen. Traditionelle Arbeitsplätze, wie die der Weber verschwanden, und es entstanden neue Berufe und zunehmende soziale Ungleichheit.

Heute ist es schwer sich vorzustellen, wie sehr sich die Arbeitswelt durch die digitale Revolution verändern wird. Es ist schwer sich vorzustellen, was es bedeutet, dass in ein paar Jahren die Verbraucher_innen in der Lage sein werden, eine breite Palette von Produkten zu Hause oder in digitalen 3D-Print-Shops produzieren zu können – so wie heute Fotos –, dass Mobilität weitgehend fahrerlos stattfinden wird, und dass selbst bestimmte Arbeiten aus dem Sektor der Kreativwirtschaft von Algorithmen und intelligenten Programmen gesteuert werden. Und noch weniger sind wir in der Lage, uns vorzustellen, welche Änderungen unser Leben durch Biotechnologie und Quantenphysik erfahren wird. Wir wissen nicht, wie diese Veränderungen unsere Kultur beeinflussen werden. Aber das werden sie. Wie unsere Zivilisation damit umgeht, ist nicht zuletzt eine Frage, wie wir mit dem Begriff „Innovation“ umgehen. Es macht einen Unterschied, ob man Innovation als Domäne von Technik, Naturwissenschaften und Ökonomie begreift und betreibt, oder ob wir Innovation als zivilisatorischen Prozess verstehen, in dem es um holistisches Denken und Handeln geht, wo Phantasie und Kreativität einen notwendigen Platz haben. Die Digitalisierung und Automatisierung unserer Welt wird – so paradox das klingen mag – der kulturellen Bildung (der Keimzelle für Creative Skills) einen zentralen Stellenwert in der Gesellschaft bringen. Oder besser gesagt der Verschränkung von kultureller Bildung mit kognitiver Bildung, mit Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Studie der Oxford University⁸ kommt zum Ergebnis, dass in den nächsten 20 Jahren 47% der derzeit in den USA bestehenden Arbeitsplätze massiv gefährdet sein werden.

Überall, wo Arbeiten oder Arbeitsschritte, standardisierbar sind, durch Algorithmen determiniert werden können, überall dort werden Menschen durch Maschinen ersetzt werden. Computer und Roboter sind schneller, flexibler, präziser – und vor allem billiger als menschliche Arbeitskräfte.

Das wird nicht nur Produktionsbetriebe treffen, sondern auch die Transportwirtschaft, die Finanzwirtschaft, weite Teile des Dienstleistungssektors, Teile der Kreativwirtschaft, den Managementsektor, die Verwaltung, Bildungsberufe, Rechtsberufe, ja sogar medizinische Berufe insbesondere in den Bereichen Diagnostik und Medikation. Auch wenn die OECD in einer Studie⁹ die Automatisierungseffekte auf den Arbeitsmarkt quantitativ geringer einschätzt, bleibt die Tatsache unbestritten, dass die Auswirkungen dieser vierten industriellen Revolution erstmals bis tief in die vermeintlich gut gebildete Mittelschicht hineinreichen werden. Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um zu erkennen, welch enorme soziale und politische Sprengkraft es hat, wenn in weniger als einer Generation, ein erheblicher Teil dessen wegbricht, was wir derzeit unter Arbeit verstehen. Man kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Man kann sie ignorieren, verharmlosen oder sich ihr stellen. Derzeit wird eher ignoriert und verharmlost. Von der Politik ebenso wie von der Wirtschaft. Die Politik schweigt und verharmlost so lange es geht, weil man die Menschen, das heißt die Wählerinnen und Wähler, nicht verunsichern möchte. Und die Wirtschaft will in Ruhe die von der Automatisierung zu erwartenden Produktivitätsgewinne lukrieren, solange es geht. Die noch nicht im Status 4.0 produzierende Industrie verlangt heute sogar noch die Ausbildung zusätzlicher Facharbeiter, die in 20 Jahren vermutlich das Schicksal der schlesischen Weber teilen werden. Die Zukunft der Arbeit, so die oben angesprochene Oxford-Studie, liegt in den Bereichen Kreativität und Soziales. Aber eben nicht in der linearen Extrapolation dessen, was derzeit existiert. Es geht um die Entwicklung neuer Felder für wirtschaftliche und gesellschaftliche Wertschöpfung. Eben darauf sollte ein Bildungssystem vorbereiten, diese Art von Entwicklungsarbeit müssten Universitäten im 21. Jahrhundert leisten – ebenso wie Technische Universitäten die Entwicklung der Industriegesellschaft unterstützten und der Aufstieg der Business Schools die Service-Industrie begleitete.

„It is time to take a creative risk of valuing imagination, the poetic, the symbolic, the aesthetic or the spiritual (features of culture-based creativity) as factors of innovation, social progress and European integration“ war schon 2009 in einem Bericht über „The Impact of Culture and Creativity“¹⁰ für die Europäische Kommission zu lesen. Ja. It is time to take risk!

In einer von Artificial Intelligence, Digitalisierung und Robotik geprägten Welt wird der Mensch nur mehr durch kreative Denkprozesse gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkungskraft erzielen können. Also durch Prozesse, die auf bisher ungedachte oder als undenkbar gehaltene Weise Verbindungen zwischen bekannten und daher zunehmend automatisierten Handlungs- und Wissensfeldern herstellen. Die Veränderung von Arbeit, Bildung und Freizeit wird, ebenso wie die Veränderung unserer Gesellschaften durch demographische Entwicklungen und durch Migrationsbewegungen, neue soziale Herausforderungen im Zusammenleben der Menschen als Handlungsfelder eröffnen. Die sogenannte „Digitale Revolution“ unterscheidet sich von den bisherigen Wellen der industriellen Revolution durch einen fundamentalen Aspekt: Erstmals in der Geschichte der menschlichen Zivilisation wird menschliche Denkleistung von Maschinen übernommen. Das hat mehr als nur eine ökonomische Dimension, denn die schon bestehenden und noch absehbaren Entwicklungen im Bereich der Artificial Intelligence stellen die zutiefst philosophische Frage nach der Rolle des Menschen auf diesem Planeten.

Können wir es uns in dieser Situation wirklich leisten, dass die zentralen Kulturtechniken für die Teilhabe an der Gesellschaft und Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, die Creative Skills nach dem System des Kollateralnutzens eher zufällig vermittelt werden?

  • Nicht-lineares Denken,
  • Imaginationsfähigkeit,
  • unkonventionelle Zusammenhänge herstellen,
  • Vertrautes hinterfragen,
  • neue Szenarien entwickeln.

Jean Monnet soll einmal gesagt haben: „Wenn ich noch einmal etwas mit der Gründung der Europäischen Union zu tun hätte, würde ich mit der Kultur beginnen.“ Jean Monnet wäre sich dessen noch sicherer, wenn er sähe, dass uns gerade sowohl die europäische Wirtschaft als auch die sogenannten Europäischen Werte der Aufklärung um die Ohren zu fliegen drohen. Es geht nicht darum, statt der Hegemonie der Ökonomie die Hegemonie der Kultur einzufordern. Aber die notwendige Erneuerung von Bildung und Arbeit – nicht nur auf der Begriffsebene, sondern in der Realität – ist keine technokratisch zu lösende Aufgabe, sondern eine Kulturaufgabe. Und Kulturaufgaben haben eine lange Vorlaufzeit.

Es wird und muss auch weiterhin Künstlerinnen und Künstler geben, die sich mit ganzer Leidenschaft der sogenannten autonomen Kunst widmen. Es soll und wird weiterhin den Sektor der Creative Industries geben. Und wir können nicht auf die Arbeit und das Wissen von hochspezialisierten Wissenschafterinnen und Wissenschaftern verzichten. Aber zusätzlich braucht die Welt dringend Menschen mit Creative Skills, mit translationaler Kompetenz; Menschen, die fähig sind, Brücken zu errichten zwischen den Inseln der Spezialisierung. Es wird und muss auch neue, korrelative Bildungsgänge und Berufsbilder geben, ganz andere Formen von Arbeit und Einkommen, als die derzeit bekannten. Diese gilt es zu entwickeln und zu implementieren. Und auch dabei wird der Kraft der Kunst eine entscheidende Rolle zukommen – als integrierter Teil unseres Gesellschafts-, Wirtschafts- und Bildungssystems. Creativity nicht nur als kleiner, wenn auch wachsender Teil der Gesamtwirtschaft. Kulturelle Bildung nicht nur als ein marginalisiertes und isoliertes Segment in der Bildungslandschaft. Die nächste „Revolution” nach der industriellen Revolution, der Wissensrevolution und der digitalen Revolution wird also eine Creative Revolution sein müssen.

Mehr als zwei Jahrhunderte nach der ersten industriellen Revolution stehen wir neuerlich an einem gesellschaftlichen und ökonomischen Scheideweg: Die entscheidende Frage ist jetzt: Schaffen wir es, die Entwicklung und Umsetzung kreativer Ideen und Visionen zum Markenzeichen unserer Gesellschaften zu machen?

Angesichts der vor uns liegenden Herausforderungen gibt es eigentlich keine Alternative dazu – zum Aufbau einer Kreativgesellschaft.

Der Autor

Dr. Gerald Bast, geb. 1955, studierte Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften an der Johannes Kepler Universität Linz. 1979 Promotion zum Doktor der Rechtswissenschaften an der Universität Linz. Er besuchte auch die Verwaltungsakademie des Bundes. Seit 2000 ist Gerald Bast Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien. Darüber hinaus ist er Mitglied des Dachverbandes der österreichischen Universitäten und Member der European League of Institutes of the Arts – ELIA. Seit 2015 ist er auch Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste u.a.

1 World Commission on Culture and Development, UNESCO 1995, Online URL: http://portal.unesco.org/
culture/en/ev.php-URL_ID.15019&URL_DO.DO_TOPIC&URL_SEC- TION.201.html (Stand: 05.08.2016).
2 Jürgen Habermas: Aufgeklärte Ratlosigkeit. warum die Politik ohne Perspektiven ist. In: Frankfurter Rund
schau vom 30.12.1995.
3 Singer, Wolf: Ein neues Menschenbild. Gespräche über Hirnforschung, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2003, 
S. 103ff.
4 Ebda.
5 Claudia Goldin und Lawrence F. Katz: The Race between Education and Technology, Cambridge, Machachu
setts: The Belknap Press of Harvard University Press 2008.
6 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. 22. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 298.
7 Frederick Kiesler: On Correalism and Biotechnique. A Definition and Test of a New Approach to Building 
Design, Frederick Kiesler. In: Architectural Record, 86/3, September 1939.
8 Carl B. Frey und Michael A. Osborne: The Future of Employment: How susceptible are Jobs to 
Computerization, September 17, 2013, Online URL: http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/
The_Future_of_Employment.pdf (Stand: 05.08.2016).
9 The Risk of Automation for Jobs in OECD Countries, Online URL: http://www.oecd-ilibrary.org/social- 
issues-migration-health/the-risk-of-automation-for-jobs-in-oecd-countries_5jlz9h56dvq7-en (Stand: 05.08.2016).
10 The Impact of Culture and Creativity, S. 161, Online URL: http://www.keanet.eu/docs/impactculturecreativi
tyfull.pdf (Stand: 05.08.2016).
TEILEN