CINEMA CRISTAL

Die Revolution frisst ihre Kinos.

Die Salzburger Filmemacherin und Künstlerin Marlies Pöschl sieht hin, wo andere sich einfach blenden lassen.

Die Idee für ihren neuesten Film Cinema Cristal, der auf der diesjährigen Diagonale uraufgeführt wird, ist Marlies Pöschl bei einem Spaziergang mit einem befreundeten Architekten durch die Teheraner Lalezar-Straße gekommen. In der ehemaligen Teheraner Kinomeile gibt es heute fast nur noch Lampengeschäfte. Die Kinos, die nach der Revolution im Iran als Orte der Verbreitung westlicher Dekadenz in Verruf geraten waren, mussten inzwischen alle schließen.

Pöschl nimmt die glitzernde Welt der Leuchtstoffgeschäfte zum Ausgangspunkt für Reflexionen im doppelten Wortsinn: „Cinema is like another world“ – ins Schwarzbild gesprochene Statements über einen Ort des Lichts und der Magie. Kinoerfahrungen und Kinoerinnerungen mischen sich mit den Bildern von tausenden Glühbirnen und Neonröhren. Glitzernde Kronleuchter und Lichtermeere hinter den Schaufenstern werden zu strahlend-poetischen Projektionsflächen für eine Erzählung über die nicht mehr sichtbare Vergangenheit.

Marlies Pöschl blickt hinter die Oberflächen.

Aus der Distanz genau betrachtet.

Der Fokus von Marlies Pöschls Arbeiten liegt auf dem künstlerisch-dokumentarischen Erforschen des Unbekannten. Die Weltenbummlerin versteht es, Dinge in der Fremde aufzudecken, die man im Alltag all zu leicht übersieht und überhört. Schonungslos und liebevoll einfühlend zugleich. Wie beispielsweise in einem ihrer ersten Filme L ́Ecole de Simili, in dem sie dem Slang von Migrantenkindern nachforscht, mit dem sich diese in der Zweitsprache von ihrer Umwelt abgrenzen.
Pöschl ist eine Grenzgängerin zwischen Film und Kunst. Die Videoinstallation Practice 1,2,3beispielsweise, die in ihrer Ausstellung Fieldwork/Homework zu sehen war, zeigt Shanghaier Tanzstudentinnen, wie sie gerade den „wéi wú r zú“, den Tanz der Uiguren, einer muslimischen Minderheit aus der autonomen Region Xinjiang erlernen. Tanzen lernen heißt in diesem Fall, die Rolle der Anderen verkörpern zu lernen, es ist ein beständiges sich Erinnern und Wiederholen. Vielleicht auch eine Art verkörperte Erinnerungsarbeit.

Pöschl spielt gerne mit diesem Überlagern und wieder Entblättern unterschiedlicher Schichten und zählt mittlerweile wohl zu einer der profiliertesten Vertreterinnen der immer breiter werdenden Strömung der dokumentarischen Kunst.

INFO

Cinema Christal
von Marlies Pöschl
auf der Diagonale’17
Weltpremiere
29.03.2017, 14.00
30.03.2017, 18.30
Schubertkino

www.marliespoeschl.net
www.goldenpixelcoop.com
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