“Sommerszene” / Salzburg 2019

Die Klanginstallation „Euch sprechen die Steine“ von Marco Döttlinger demokratisiert einen in Stein verewigten Herrschaftsgestus.

17.06. – 29.06.2019; Salzburg.
Stadt im Zeitfluss. Die Sommerszene Salzburg erforscht Veränderungen des öffentlichen Raumes.

Unter der Leitung von Angela Glechner hat der öffentliche Raum im Programm der „Sommerszene Salzburg“ stark an Bedeutung gewonnen. Das tut sowohl dem Festival als auch der Stadt gut. Denn die Künstlerinnen und Künstler interessieren sich mit ihren Projekten vor allem für Zonen abseits der ausgetretenen touristischen Pfade in der Altstadt. Künstler wie Willi Dorner, mit denen Glechner in den vergangenen Jahren immer wieder zusammen gearbeitet hat, suchen die unentdeckten Zwischenräume einer Stadt. „Wir wollen dahin, wo Salzburg etwas rauer ist“, sagt Glechner. Vom Kommunalfriedhof über das Bahnhofsviertel bis zu den Straßenzügen in Lehen mit ihren 70er Jahre Wohnbauten hat die Sommerszene in den vergangenen Jahren die ganze Stadt erkundet. Denn das wahre Leben spielt sich in Salzburg ohnehin abseits der Getreidegasse ab. „Das Nonntal oder das Andrä-Viertel mit seinem Wochenmarkt sind die eigentlichen urbanen Räume von Salzburg“, sagt Glechner. „Man braucht nur einmal nach 18 Uhr durch die Salzburger Altstadt zu gehen. Dort ist nach Geschäftsschluss nichts mehr los.“

Die Kompaktheit der Stadt sieht Glechner als großen Vorteil für ihre Programmprojekte im öffentlichen Raum. „Wenn wir in Salzburg in den öffentlichen Raum gehen, kommt keiner daran vorbei“, sagt sie. Das ermöglicht auch, Projekte zu realisieren, die auf teilweise unmerkliche Zwischentöne und Verschiebungen setzen, wie beispielsweise die Performance-Installation „Diorama Salzburg“ von Ingri Fiksdal, die mit kaum wahrnehmbaren Veränderungen den Blick auf den Salzburger Bahnhofsvorplatz und seine Menschen aus dem Alltag heraus löst.

24 Stunden im Rhythmus einer Stadt

Das Theaterkollektiv „ohnetitel“ lädt mit seinem Projekt „Die Späte der Stunde“ zu einer 6-tägigen Odyssee durch Salzburg. Inspiriert von einem Klassiker der Weltliteratur, von James Joyce´s Ulysses, lädt das Ensemble zu einer episodenhaften Irrfahrt ins Innere der Stadt. An ganz unterschiedlichen Orten begegnen dem Publikum künstlerische Miniaturen, die auf Diskurse mit „Expertinnen und Experten des Alltags“ treffen: Ähnlich dem literarischen Vorbild wird die Vielschichtigkeit des Lebens in einer Stadt entlang eines Tagesablaufes wie eine eloquente Suchmaschine erlebbar gemacht. 24 Episoden an 24 Orten in Salzburg bilden den Rahmen für diese auf 6 Tage verteilte Theaterperformance: Eine Salzburg-Geschichten- Erkundung der besonderen Art.

Einen für Salzburg markanten öffentlichen Ort bespielt auch die Klang-Installation „Euch sprechen die Steine“ von Marco Döttlinger. Der Neutortunnel verbindet den geschäftigen Festspielbezirk mit den ruhigen Wohnvierteln auf der anderen Seite des  Mönchsberges: Diesen Durchgangsort hat der Komponist und Klangkünstler Marco Döttlinger für seine Klanginstallation gewählt: Über dem 1765 erbauten Tunnelportal prangt das Herrscherportrait des damaligen Fürsterzbischofs Sigismund Graf Schrattenbach samt der lateinischen Inschrift „Es sprechen die Steine“. Döttlingers Klanginstallation demokratisiert diesen in Stein verewigten Herrschaftsgestus. Im Fußgängerund Fahrradtunnel werden die akustischen Fußabdrücke der Menschen, die täglich den Tunnel passieren zu einer Klanginstallation verdichtet. Sein Werk gilt nicht einem früheren Machthaber sondern den Menschen der Stadt selbst.

Die Sommerszene Salzburg bietet auch heuer wieder 13 Tage lang ein dichtes, energiegeladenes Programm mit Produktionen performativer Künste: 5 Uraufführungen und 4 Österreichpremieren stehen auf dem Programm, bei dem Ensembles und Künstler wie „Forced Entertainment“, Jan Martens, Lisi Estaras oder Louis Vanhaverbeke zu Gast sein werden.

Sommerszene 19
International Performing Arts Festival
17.06. – 29.06.2019
Various locations
Salzburg
www.szene-salzburg.net

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