steirischer herbst ’19 / Graz

“Las Venus Resort Palace Hotel”: Science-Fiction-Gogo-Show in einem postapokalytischen Palast von Cibelle Cavalli Bastos.

19.09. – 13.10.2019, Graz.
Am Abgrund der Wohlfühlzonen. Der steirische herbst nimmt die hedonistischen Intellektuellen in die Pflicht.

Ekaterina Degot blickt in den Abgrund. Die Intendantin des steirischen herbst führt mit dem diesjährigen Festivalprogramm an die abbröckelnden Ränder der Wohlfühlzonen unserer Gesellschaft, die durch die multiplen Krisen der Gegenwart rasant an festem Grund verlieren. Platz ist dort nur mehr für die, die es sich leisten können.

Degot greift für das diesjährige Festivalmotto eine Metapher des ungarischen Philosophen und Literaturkritikers Georg Lukács auf, der mit seinen Schriften zur Marxistischen Philosophie die Frankfurter Schule stark beeinflusst hat. Gleichzeitig hat er aber auch für zahlreiche kontroverse Debatten in den intellektuellen Kreisen seiner Zeit gesorgt. Lukács sah die Intellektuellen schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts in einer wirklichkeitsfernen hedonistischen Komfortzone und damit indirekt auch in ungewollter oder unbedachter Komplizenschaft mit den bürgerlichen Kreisen des Großkapitals: „Grand Hotel Abyss“ nannte Lukács diese Komfortzone am Rande des Abgrunds. Eine Metapher, die Degot nun zum Festivalmotto des diesjährigen steirischen herbst gewählt hat.

Denn Lukács‘ alte Metapher hat vor dem Hintergrund einer in ihre Filterblasen zerfallenden Digitalgesellschaft, die dem gesellschaftsspaltenden Populismus der Gegenwart erst ihren Raum gegeben hat, eine neue Dringlichkeit entwickelt: „Ohne unschöne Bilder wird es nicht gehen“, der lapidare Satz des damaligen Außenministers Kurz ist heute zum geflügelten Wort geworden.

Die intellektuellen Eliten haben sich mit diesem Menschlichkeitsverlust bequem arrangiert: Am Rande von Symposien und Empfängen beklagt man die Flüchtlingskrise, den Klimawandel und warnt vor den die Gesellschaftsstrukturen zersetzenden Kräften von Big Data und Künstlicher Intelligenz, nur um sich im nächsten Moment auf fluege.de einen Flug für eine Wanderwoche in Marokko zu buchen und sich dafür auf Amazon die passende Funktionswäsche zu bestellen, die  mithilfe von Kinderarbeit in Bangladesch hergestellt wurde.

Ekatarina Degot macht auch bei diesem steirischen herbst wieder das, was sie am besten kann: Sie greift einen eminent politischen Gesellschaftsbefund auf, um ihn in der Welt der Kunst selbst zur Debatte zu stellen.

Dem gehen die über vierzig internationalen Künstler*innen  des  steirischen  herbst  in  Form von Installationen, Performances und diskursiven  Projekten  nach.  Unter  ihnen  der polnische Künstler Artur Zmijewski, der in einem leerstehenden Grazer Ladenlokal  Unterschlupf vor der drohenden politischen Katastrophe und dem  wachsenden Nationalismus sucht. Mit seiner Installation Plan B bildet er einen Zufluchtsort mit apokalyptischem Charme,  der vielen dienen könnte – ob aus dem Amt verjagten Rechtspopulisten oder Künstler*innen, die vor eben jenen flüchten.

Porträts als Mittel systematischer Diskriminierung: Artur Zmijewskis Schwarz-Weiß-Porträts von außereuropäischen Migrant*innen in den Städten Europas.

Das Theater im Bahnhof thematisiert indes-sen in seinem neuen Rollenspiel die Unmöglichkeit der Armut zu entkommen. In MEN/ SCH/ EN/ MAR/ KT sind Rente, Krankenversicherung und Bildung nicht selbstverständliche Leistungen eines Sozialstaats, sondern werden zu Waren, die dem radikalen Kräftespiel des Marktes ausgesetzt sind. Nur ab und zu wird das Geschehen  von Katastrophenereignissen unterbrochen.

Ein Kernpunkt des Programms dreht sich auch um die historischen Bauwerke der Stadt, die eine Atmosphäre aus Charme früherer Zeiten rund um ein Festival für zeitgenössische  Kunst  bilden. Da wären eine Textperformance im Hotel Wiesler, dem seiner Zeit einzigen Grand  Hotel der Stadt, eine Fotostrecke von Schwarz-Weiß-Portraits im Palais Attems, die die  Welle  der  Fremdenfeindlichkeit thematisiert, oder Andreas Siekmanns zeitgenössische  Interpretation von Albrecht Dürers nie realisiertem Denkmal für die besiegten Bauern am Griesplatz.

Die  Eröffnungs-Extravaganza im Congress Graz dreht sich rund um die Vorstellungen von Genuss und Vergnügen. Cibelle Cavalli Bastos temporäre Installation umfasst eine mehrdimensionale  Science-Fiction-Szenerie. Sie erzählt von einer apokalyptischen Zukunft,  in  der  die  Erde  nach  dem  Zusammenstoß mit einem anderen Planeten kaum noch bewohnbar ist. Während sich die Reichen aufgemacht haben, andere Welten zu kolonialisieren, bleiben die Armen zurück. Das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset vergiftet mit ihren echten Grazer Bernhardkugeln – ganz in kritischer Thomas Bernhard Manier – jegliches noch bestehende Nationalgefühl mit unwiderstehlicher Süße. Alexander Brener und Barbara Schurz nehmen den Hedonismus der zeitgenössischen Kunst aufs Korn und Gernot Wielands Lecture-Performance untersucht Österreichs anhaltende Begeisterung für Kulinarik und Lebenslust, ausgehend von der „Genuss-stadt“ Graz. Zum Abschluss machen Fatima Spar & The Freedom Fries Weltmusik mit politischem Seitenhieb.

Ekatarina Degot geht es mit ihrem diesjährigen Programm des steirischen herbst nicht darum, vordergründig agitatorisch zu sein. Es geht vielmehr darum, die Welt der Kunst als einen Spiegel zu verwenden. Auch und gerade dort, wo es weh tut und wo es „ohne unschöne Bilder nicht gehen wird“.

steirischer herbst’19:
Grand Hotel Abyss

Zahlreiche Veranstaltungsorte in Graz und in der Steiermark, Österreich
19.09. – 13.10.2019
www.steirischerherbst.at

Eröffnungstage
19.– 22.09.2019
19.09., 17.00 Uhr, Eröffnungszeremonie
Landhaushof, Grazer Landhaus

Eröffnungsrede zum steirischen herbst ’19
von Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot
Zorka Wollny, Voicers  – Oratorio for Five Speakers and a Listening Crowd

19.00-01.00 Uhr
Eröffnungs-Extravaganza
Congress Graz, gesamtes Gebäude
mit einem Konzert von Fatima Spar & The Freedom Fries, Installationen und Performances.

10.-16.00, indoor Installationen an zahlreichen Orten
08.-19.00, Installationen im Öffentlichen Raum

20.09. – 22.09.2019
10. – 18.00 Uhr alle Installationen geöffnet.
Time Based Events wie An Evening of Political Toasts – Kurze Interventionen von Künstler*innen, herbstkantine finden später statt.

Parallelprogramm
13 Veranstaltungen
Various locations

STUBENrein
06.09. – 22.09.2019
in 14 Gemeinden des Bezirks Murau

musikprotokoll 2019
Next Door – The Neighborhood of Europe
03.10. – 06.10.2019
www.musikprotokoll.orf.at

Büro der offenen Fragen
20.9.–13.10., Mo–So 9.00–18.00,
30.9. und 7.10. geschlossen
Kaiser-Josef-Platz 4, 8010 Graz

Touren im Rahmen des festivals in drei unterschiedlichen Formaten:
Im Fokus, Allianzen & Landschaften.
Treffpunkt Büro der offenen Fragen
20.09. – 13.10.2019

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