“Cradle-to-Cradle-Design” / Rainer Rosegger

Mag. Rainer Rosegger, Soziologe

Kreative Konzepte für eine Kreislaufwirtschaft

— Rainer Rosegger

Das kontinuierliche Wirtschaftswachstum führt auch zu einem immer größer werdenden Verbrauch weltweit begrenzter Ressourcen und Rohstoffe. Ein System mit Ablaufdatum. Wie lassen sich Wirtschaftsmodelle entwickeln, die konsequent vom Gedanken einer Kreislaufwirtschaft getragen sind? Wie lässt sich Produktion und Konsum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln? Das Cradle-to-Cradle-Konzept ist dafür ein Ansatz auf mikroökonomischer Ebene.

Mit dem Konzept von Cradle-to-Cradle-Design (von der Wiege zur Wiege) wird ein neuer Ansatz des Produzierens und Konsumierens vor dem Hintergrund zunehmender Umwelt- und Gesundheitsbelastungen sowie einer steigenden Ressourcenknappheit definiert. Entgegen dem in unserem System vorherrschenden Ansatz einer Effizienzsteigerung, also dem Versuch schädliche und problematische Einflüsse zu reduzieren, hat Cradle-to-Cradle-Design das Ziel, Produkte und Prozesse so zu gestalten, dass negativ wirksame Faktoren eliminiert werden, und positive Wirkungen bei der Nutzung von Produkten entstehen. Der Schlüssel dazu ist der Ansatz der Kreislaufwirtschaft auf Grundlage innovativer Technologien. Die Produktionsverfahren, der Gebrauch und die Wiederverwertung der Produkte werden nach diesem Modell so gestaltet, dass die Qualität der Rohstoffe über mehrere Lebenszyklen erhalten bleibt. Das bedeutet: Es gibt in diesem System keinen Abfall mehr. Alles wird zum Nährstoff: Die richtigen Materialien werden in definierten Kreisläufen (Metabolismen) zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort neu eingesetzt.

Cradle-to-Cradle-Design unterscheidet sich damit wesentlich vom herkömmlichen Recycling: Von Beginn an werden Materialien ausgewählt und Produkte gestaltet, um eine bestmögliche Kreislaufführung zu ermöglichen. Michael Braungart, Mitbegründer dieses Konzepts, spricht in diesem Zusammenhang von der nächsten industriellen Revolution. So ergibt sich die Möglichkeit, ökologisch intelligente Produkte zu erschaffen, durch die Wiederverwertung von Rohstoffen in Zeiten steigender Preise ökonomisch positive Effekte zu erzielen, und im Produktions- und Konsumtionsprozess soziale Verantwortung neu zu definieren. Dabei spiegelt sich die Natur als Vorbild in der Entwicklung eines Cradle-to-Cradle Produktes: Blühende Bäume im Frühling sind nur scheinbar Verschwendung. Aus wenigen Blüten entstehen neue Bäume. Alle Blüten, die nicht der Vermehrung dienen, fallen zu Boden und werden zu Nährstoffen für andere Organismen.

Im Cradle-to-Cradle-Design werden Produkte in zwei unterschiedlichen Kreisläufen geführt. Verbrauchsgüter (Naturfasern, Kosmetikprodukte, Waschmittel u. ä.) werden so konzipiert, dass sie im biologischen Kreislauf immer wieder verwendet werden können. Dazu werden sie zu biologischen Nährstoffen zersetzt und fördern biologische Systeme wie zum Beispiel Pflanzenwachstum. Die nachwachsenden Rohstoffe und Substanzen sind dann wiederum Basis für neue Produkte. Im technischen Kreislauf werden Gebrauchsgüter (Fernsehgeräte, Autos, synthetische Fasern etc.) nach Erfüllung ihrer Funktion zu sogenannten technischen Nährstoffen zerlegt und ermöglichen die Produktion neuer Gebrauchsgüter. Auch Fragen des Konsums werden neu definiert: Die Benutzer_innen/Verbraucher_innen nehmen nur noch die entsprechende Dienstleistung, zum Beispiel Fernsehempfang, in Anspruch. Die Materialien werden über Rücknahme- und Cyclingsysteme weiter im technischen Kreislauf behalten.

Der Kreativwirtschaft und dem Design kommt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung zu. Über die Fragen von Ästhetik und Funktionalität bekommt Design die entscheidende Rolle als Motor für einen positiven Wandel der Veränderung. Produkte sind so zu gestalten, dass sie bestmöglich in einem der beiden Kreisläufe geführt werden können, und Materialien sind unter der Prämisse der Wiederverwendung zu wählen. Auch im Bereich der Materialwissenschaften und -forschung sind hierbei große Potenziale für Innovationen gegeben. Darüber hinaus liegt ein großes Potenzial in der Innovation effektiver Wege, um Produktnutzen und Dienstleistungen neu zu definieren. So wird beispielsweise die Mobilität der Zukunft nicht lediglich auf der Reduktion schädlicher Emissionen bisheriger Systeme basieren. Vielmehr geht es um die Frage, wie wir den Mobilitätserfordernissen einer zunehmend flexibleren Gesellschaft bestmöglich gerecht werden, den Nutzen für die Einzelnen maximieren und gleichzeitig einen positiven Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft generieren. Designerinnen und Designer werden in Zukunft vielmehr als Berater_innen fungieren, Unternehmen im Zuge von Veränderungsprozessen unterstützen und systemisches Denken in den unterschiedlichen Disziplinen und über gesamte Produktions- und Wertschöpfungsketten implementieren.

Aktuell werden Prototypen für das Vorarlberger Traditionsunternehmen Wolford im Textil-Luxussegment entwickelt. Dafür wurden 14 Zulieferbetriebe in das Forschungskonsortium integriert, was rund ein Achtel der gesamten Vorarlberger Textilbranche, gemessen an den Beschäftigten, entspricht. Dies zeigt auch die Notwendigkeit von Kooperationen über einzelne Branchen hinaus. Die Zukunft kann nur gemeinsam gestaltet werden.
Mit der Wachstumsstrategien „Europe 2020“ wurde auch von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Rat ein klares Bekenntnis für die Förderung der Kreislaufwirtschaft Circular Economy gesetzt. Mit dem EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft aus dem Jahr 2015 wurden eindeutige Ziele und Umsetzungsstrategien definiert. Neben den positiven Auswirkungen für die Umwelt wird dabei auf das Potenzial für neues nachhaltiges Wachstum und die Förderung von Innovation und Forschung verwiesen.

Mit dem Ansatz von Cradle-to-Cradle-Design ist es möglich, den notwendigen Paradigmenwechsel in unserer Gesellschaft zu gestalten und eine positive Standortentwicklung zu betreiben. Gerade junge Menschen sind auf der Suche nach neuen Antworten und Wegen im Umgang mit den gegenwärtigen umfassenden Krisen in unserem System. Die ledigliche Orientierung an Effizienzsteigerungen mittels linearer Denkansätze wird an technische, gesellschaftliche und ökologische Grenzen stoßen. Die „Cradle to Grave“-Mentalität (von der Wiege zur Bahre) ist ein Auslaufmodell. Vielmehr braucht es neue effektive Ansätze basierend auf einem umfassenden systemischen Denken. Diese neuen Ansätze müssen in unser Bildungssystem integriert werden und gerade in der Ausbildung von Designer_innen, Architekt_innen, Techniker_innen ist es wichtig, diese neuen innovativen Wege zu beschreiten, und mit dem Talent und Wissen junger Menschen an der Veränderung unserer Gesellschaft zu arbeiten. In Anbetracht der gegebenen Herausforderungen bleibt uns nicht mehr viel Zeit für diese Veränderung. Aber gerade am Standort Österreich ist ein großes Potenzial vorhanden, unsere Zukunft positiv zu gestalten.

Der Autor
Der Soziologe Mag. Rainer Rosegger, geboren 1975, ist seit 1998 in den Bereichen Wohnbau, Architektur, Stadt- und Regionalentwicklung mit unterschiedlichen Zugängen und Ansätzen als Forscher und Berater mit seiner Firma SCAN tätig. 2006 Gründung der Netzwerkagentur „Pilotprojekt” gemeinsam mit dem Techniker Georg Leitner und dem
Designer Tammo Trantow. Darüber hinaus Tätigkeit als Dozent an der Karl-Franzens-Universität Graz und an der TU Graz. Seit 2006 auch Mitglied des ESF COST Programms „Urban Knowledge Arena“.

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