steirischer herbst ’21 – The Way Out

steirischer herbst '21 (c) Stefan Beer

Avantgarde für Alle! Das Festival räumt seine besten Stücke hervor.

Ekaterina Degot, die Intendantin des steirischen herbst geht mit dem diesjährigen Festivalprogramm „radikal nach draußen“, wie sie sagt. Der öffentliche Raum hat beim steirischen herbst immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Schon bei seiner Gründung vor mehr als 50 Jahren haben die damaligen Festivalplakate für erregte Diskussionen an öffentlichen Orten gesorgt. Degot versteht die von ihr proklamierte Öffnung des steirischen herbst aber auch als Suche nach einem Ausweg: Heraus aus der institutionellen Kunstblase und gleichzeitig auch wieder heraus aus den diversen Lockdowns.

„The Way Out“ lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Die Avantgarde hat häufig nur einen elitären Kreis an BetrachterInnen erreicht, konstatiert Degot und ist dem Großteil der Bevölkerung unzugänglich geblieben. Dem möchte sie durch ein dichtes gewobenes Netz an Auftragsproduktionen an KünstlerInnen und Kunstkollektiven begegnen, mit dem der steirischer herbst den öffentlichen Raum von Graz bespielen wird.

Eine Lichtinstallation auf dem Bahnhofsvorplatz von Marinella Senatore wird zum Eintrittstor in das Festival. Auf dem Esperantoplatz würdigt Thomas Hirschhorn das Leben und Denken der Philosophin Simone Weil in Form eines „spontanen Volksdenkmals“, bei dem er die Bevölkerung in die Errichtung in ähnlicher Weise einzubeziehen versucht, wie man das von den spontanen Niederlegungen an Erinnerungsstücken und Referenzobjekten etwa nach dem Tod von Lady Di vor dem Buckingham Palace kennt.

„Oh du mein schmutziges Radieschen, ich liebe dich.“

Das Grazer Künstlerkollektiv G.R.A.M. sammelt den „visuellen Müll der Spassgesellschaft“ auf und verarbeitet ihn in einer Performance von Gebläse-getriebenen Skydancern, die nach dem Lied „Radieschen“ von Rainer Binder-Kriegelstein vor dem Grazer Kunsthaus „tanzen“ werden.

Um Fragen der Sicherheit und Ordnung im öffentlichen Raum geht es bei den Performances der Estnischen Künstlerin Flo Kaseauru. Mit einem Team aus 12 PerformerInnen in Uniformen mit übertriebenen Kopfbedeckungen, die an die Grazer Ordnungswache erinnern, verbreitet sie kreatives Chaos und macht zugleich repressive Strukturen im öffentlichen Raum sichtbar. 

„Stoppt die Shopapokalypse“ verkündet Reverend Billy (alias William C. Talen) im Namen seiner Church of Stop Shopping im Grazer Joanneumsviertel.  

Degot sucht mit ihrem Programm mit einer gehörigen Portion Witz und Ironie einen Brückenschlag zur Stadt und ihrer Bevölkerung. Gleichzeitig wird vielen Grazer Kultureinrichtungen, die über Jahrzehnte hinweg das Programm des steirischen herbst getragen haben in feiner semantischer Abgrenzung im sogenannten „Parallelprogramm“ ein Platz am Rand zugewiesen. Ob es für dieses Rätsel auch einen Ausweg gibt, wird „The Way Out“ hoffentlich zeigen. 

steirischer herbst 2021
09.09. – 10.10.2021
www.steirischerherbst.at